Neben der wunderbaren Ms. Marple haben sich bei meiner diesjährigen „Women with Attitude“-Aktion zahlreiche weitere großartige Musikerinnen* beworben. Bei vielen viel es mir sehr schwer, ihnen abzusagen, konnte ich doch nur einer Künstlerin* ein Promo-Paket schenken. Eine Musikerin, die mich besonders beeindruckt hat, ist Haszcara. Mit „Roter Riese“ veröffentlicht die Rapperin heute, am 5. Mai 2017, eine neue EP, die ich inhaltlich unglaublich wichtig finde und die ein für alle mal klar macht, warum man die Künstlerin aus Göttingen dringend auf dem Schirm haben sollte.

Liebe Haszcara, vielen Dank, dass du dir die Zeit für meine Fragen nimmst. Du machst schon dein ganzes Leben lang Musik, bist aber erst seit zwei Jahren als Rapperin aktiv. Wie hast du dich zuvor künstlerisch ausgelebt, und wie, denkst du, wirkt sich deine vielseitige musikalische Vorgeschichte auf deine heutige Musik aus?

Musik war schon immer Teil meines Lebens. Ich habe als Kind Ballett und Hip Hop getanzt, Klavier gespielt und gerne gesungen. Mit zwölf habe ich meine erste Gitarre bekommen. Als ich etwa 15/16 war, spielte ich in einer Metalband (Grüße an Stoned God!). Das war echt cool. Ich denke, dass vielseitige Erfahrungen sich positiv auswirken, nicht nur in der Musik. Man bekommt einen größeren Horizont und hat mehr Perspektiven auf das, was man tut. Wenn man sich mit mehr als einem Genre beschäftigt, zögert man weniger, neues auszuprobieren. Eine Musikrichtung alleine wäre mir auch viel zu langweilig.

Was macht Rap für dich im Vergleich zu anderen Musikgenres aus?

Rap bietet einem die Möglichkeit, sich sprachlich differenzierter auszudrücken und auch komplexere Sachverhalte zu beschreiben. Wenn ich einen Singer-Songwriter schreibe, drücke ich meine Emotionen mehr durch das Gefühl in Stimme und Klang aus, während ich bei Rap meistens auch darauf achte, wie der Text strukturiert ist. Außerdem hat man mehr Zeit, etwas zu erzählen als auf einem gesungenen Lied.

Deine Debüt-EP heißt „Roter Riese“. Wofür steht der Titel?

Mit Kenntnissen der Astrophysik wird man bei genauem Zuhören den Titel verstehen.

Was ich persönlich sehr bemerkenswert an der EP finde, ist, dass du dich auf den Tracks nicht vordergründig auf Identitätssuche begibst, sondern sehr genau darstellst, wer du bist und was dich ausmacht. Das Release erscheint sehr repräsentativ, verzichtet aber auf klassische und oft eindimensionale Representer, sondern bleibt selbstreflektiv. Kannst du mir erzählen, wie die Songs entstanden sind? Gab es spezielle Auslöser, nach denen du Songs runtergeschrieben hast, oder waren es eher längere Prozesse?

Meistens gab es spezielle Auslöser, nach denen ich das Grundgerüst der Tracks runtergeschrieben habe. Die Details in Bezug auf Flow oder Reime entstanden dann im Nachhinein. Wenn ich schreibe, ist das wie ein Rausch. Ich lasse alles stehen und liegen und kann gar nicht anders, als zu schreiben. Deshalb ist es für mich mehr oder weniger irrelevant, was für eine Resonanz es auf meine Musik gibt. Letztendlich ist sie für mich eine Art Therapie. Sie hilft mir, zu reflektieren.
Den letzten Track zum Beispiel habe ich an einem Nachmittag verfasst, an dem es mir schlecht ging und ich mich allein gefühlt habe. Dann habe ich den Track spontan aufgenommen und im Anschluss rauf- und runtergehört. Die Musik tröstet mich durch das Gefühl, aus Leid etwas Erträgliches und Schönes gemacht zu haben.

Ein besonderer Schlüsselsong auf der EP ist der Song „Nein“. Darin verarbeitest du ein Erlebnis, das dir auf dem Spektrum widerfahren ist und dir unfreiwillig eine besondere Aufmerksamkeit beschert hat: Du hast dich offen dazu geäußert, dass dir eine Person gegen deinen Willen an den Po gefasst hat. Auf dem Song hast du mit Tolztoy das einzige Feature auf dem Release. War es dir wichtig, auch die männliche Perspektive in dem Song mit abzubilden?

Eigentlich wollte ich dieses Vorkommnis nicht mit „Haszcara“ verbinden. Deshalb habe ich mich „privat“ darüber geäußert. Aber betroffen bleibt die selbe Person. Insofern… Wie ich bereits erwähnt habe, hilft mir das Schreiben dabei, mit Gefühlen umzugehen. Die Zeit nach dem Spektrum-Post war ziemlich aufwühlend und es tat gut, alles schriftlich niederzubringen.
Tolztoy gehört zu AMK und als wir mal gemeinsam unterwegs waren, ist er im Drag aufgetreten. Davon war ich total beeindruckt. Die Location in der wir gespielt haben, war nicht explizit links, sondern eher so ein Rap-Szene-Club. Es gehört viel Mut dazu, in der männerdominierten Welt mit gängigen Vorstellungen von Männlichkeit zu brechen.
Bei dem Feature ging es mir weder um eine explizit „männliche“ , noch eine „weibliche“ Perspektive, sondern darum zu zeigen, dass die Erfahrungen mit Sexismus vielseitig sein können. Ich bin ja nicht die einzige, der so etwas widerfahren ist. Es ging mir darum, sich gegenseitig zu unterstützen.
Ich hoffe, wir können mit dem Track anderen Mut machen, sich nicht unterkriegen zu lassen und sich treu zu bleiben.

Generell spürt man in deiner Musik und deinem Schaffen eine gewisse Ambivalenz. So bist du beispielsweise viel im linkspolitischen HipHop-Sektor unterwegs, und auch deine neue EP schreckt vor politischen und sozialkritischen Ansagen nicht zurück. Auf der anderen Seite hast du dir durch Battlerap einen Namen gemacht und sagst auch offen, dass du auch „unkorrekten“ Rap feierst. Wie funktioniert dieser Spagat für dich im Alltag?

Bei allem, was wir wahrnehmen, deuten wir als Rezipient*innen die Inhalte so um, dass sie auf unsere persönliche Geschichte passen. Anders könnte emotionale Bindung zu Musik und Literatur nicht entstehen. Ich bezweifle, dass alle, die HURT von JOHNNY CASH / NINE INCH NAILS mögen, das Gefühl kennen, an der Nadel zu hängen – trotzdem gibt es viele, die sich mit dem Lied identifizieren können.
So ist es eben auch bei „unkorrektem“ Rap, wenn er mich auf musikalischer und emotionaler Ebene anspricht. Zum Beispiel AN IHNEN VORBEI von RAF CAMORA und BONEZ MC. Der Track handelt davon, dass sie früher nie in Clubs reinkamen, heute jedoch ihre Lieder dort gespielt werden. Sie gehen einfach in Jogginghose an den Türstehern vorbei. Ich hatte nie Probleme, in Clubs reinzukommen, weiß aber wie es sich anfühlt, nicht dazuzugehören. Heute spiele ich mehr oder weniger große Konzerte und Leute wollen danach Fotos mit mir machen. Und ich mag Jogginghosen.
Natürlich läuft das alles bei mir nicht im selben Ausmaß wie bei 187 ab, aber ich kann mich in einem gewissen Grad mit der Musik identifizieren und über Passagen, die in diesem Moment nicht wichtig sind, hinwegsehen. Was nicht bedeutet, dass man sich über vermittelte Inhalte keine Gedanken machen soll. Aber die Vorstellung von dem, was Richtig und Falsch ist, wird von allem möglichen geprägt: Eltern, Schule, Staat, Umfeld… Musik ist nur ein Teil davon. Ich halte die meisten Leute für schlau genug, zu reflektieren, was sie konsumieren.

„Roter Riese“ von Haszcara erscheint auf CD, Tape und digital und kann hier gestreamt, heruntergeladen und bestellt werden:

CD, Tape: https://daslabelmitdemhund.bandcamp.com/album/haszcara-roter-riese-ep
Digital: https://haszcara.bandcamp.com/album/roter-riese

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