Nachdem ich euch bereits meine 2018er Konzerthighlights vorgestellt habe, geht es nun zurück an die heimischen Plattenteller (oder den iPod). Für diese Liste habe ich ausschließlich Releases ausgewählt, an denen ich nicht mitgearbeitet habe – denn natürlich bin ich bei denen besonders tief drin und die Liebe kennt keine Grenzen. Also: Diese Releases, sortiert nach Erscheinungsdatum, haben mich 2018 besonders begeistert!

01 Evidence – Weather or Not

Der vielleicht sympathischste Rapper der Welt hat seine Wetter-Trilogie zu Beginn des Jahres abgeschlossen. Manch einer mag denken, die Wettermetaphern hätten sich inzwischen erschöpft (wie Evidence sich selbst im Titeltrack sampled), doch „Weather or Not“ hat alles, was man von einem Album aus dem Dilated Peoples-Kosmos erwarten würde – großartige Produktionen, einen Evidence, der langsame, wortkarge Rhymes so bringt, dass einem absolut nichts fehlt. Und vor allem: Tracks, die unter die Haut gehen. „Throw it all away“ ist einer der schönsten Songs des Jahres. In „By My Side Too“ rappt Ev über die Krebserkrankung seiner inzwischen verstorbenen Frau, darüber, wie der Knoten in ihrer Brust beim Stillen ihres kleinen, neugeborenen Sohnes entdeckt wurde. Ich weiß nicht, ob der Kloß in meinem Hals jemals wieder völlig weggehen wird. Was für ein krasses, ehrliches, pures Album!

02 Curse – Die Farbe von Wasser

„Wenn du dich zeigst und sie checken dich nicht, dann ist das der Beweis: Du bist perfekt wie du bist!“, rappt Curse auf „Was du bist“, und trifft mich damit dermaßen, dass „Die Farbe von Wasser“ auch zehn Monate nach Release noch regelmäßig bei mir rotiert. Zugegeben sind es vor allem einzelne Leuchtturm-Tracks, die mich abholen: Neben „Was du bist“ vor allem „Waffen“, „Bei mir“, „Paralleluniversen“ und „Stell dir vor“. Curse beweist mit „Die Farbe von Wasser”, dass Spiritualität und Rap absolut zusammengehen – und das gänzlich ohne abgedroschene Kalendersprüche und seltsame, verschwörungstheoretische Geschichten. Ich bin Fan!

03 Kojaque – Deli Daydreams

Kojaque kam für mich in diesem Jahr völlig aus dem Nichts. Der Dubliner Rapper, Produzent und Video-Artist hat mit „Deli Daydreams“ ein Album geschaffen, bei dem einfach alles stimmt. Verspulte Beats mit abstrakten und eindringlichen Texten, dazu kleine Kunstwerke als Videos. Da kann man sich kaum für ein Highlight entscheiden. Vielleicht der düstere Monolog des Openers „White Noise“? „Love and Braggadocio“ mit dem supertighten Jazz-Instrumental? Oder das bezaubernde „Eviction Notice“? Ich fürchte, in den kommenden Jahren wird kaum einer an dem Typen aus Irland vorbeikommen. Und das ist auch verdammt gut so!

04 Jean Grae & Quelle Chris – Everything is fine

Das vielleicht abgedrehteste Album in dieser Liste ist „Everything is fine“ von Jean Grae und ihrem Göttergatten Quelle Chris. Abgesehen davon, dass es den Preis für das „Cover des Jahres“ bekommt, hat es mir eine recht harte Zeit beschert: „Everything is fine“ präsentiert meine Lieblingsrapperin Jean Grae nicht unbedingt auf die Art und Weise, wie ich sie mag: Keine flexigen Reime, dafür ist das ganze Album eine einzige Kabarett-Show, die von Satire nur so trieft. Denn schließlich gibt es auf alle Fragen nur eine einzige Antwort: „Everything is fine“. So auch dieses Album. Das Musikvideo zu „Gold Purple Orange“ ist übrigens Internet-Gold (-Purple-Orange).

05 OSHUN – bittersweet Vol. 1

OSHUN schließen für mich in gewisser Weise die Lücke, die Floetry hinterlassen haben – nur in 2k18-Gewand. Die homogene und dennoch experimentelle Mischung aus Rap, Soul und anderen Einflüssen wurde in diesem Jahr auf ihrem Album „bittersweet Vol. 1“ festgehalten. Dass sie auf „My World“ direkt die gute Jorja Smith mit ins Boot holen, ist einer der Gründe, warum das Album bei mir immer wieder auf Repeat lief. Besonders Spaß machen die überraschenden Turns in den Songs des Duos: Wenn das Chopped-&-Screewed-Intro von „Crazy 4 you“ in ein Klavier-Instrumental und schließlich in eine locker-lässige Hookline mit Bläsern übergeht, oder wenn das bouncige „We’re Yung“ plötzlich einem psychedelischen Outro mit Atemgeräuschen weicht.

06 Janelle Monaé – Dirty Computer

Janelle Monaé ist vielleicht die beste Künstlerin auf dieser Welt. Keine Übertreibung. Ihre Releases sind absolute Sureshots und stecken immer voller Überraschungen, Virtuosität, Message. Dass sie für „Dirty Computer” den obligatorischen Kurzfilm raushaute, mag ich hier nur als Sitefact erwähnen, weil das Album auch allein dringendst in jede Plattensammlung gehört. „Dirty Computer” ist Empowerment auf einem Longplayer – Black Empowerment, Female Empowerment – und Empowerment für alle, die sich als Misfits in unserer Welt fühlen. In „Django Jane“ rappt sie die halbe Rapszene an die Wand, in “Pynk” huldigt sie ihrer Vagina, und „Make me feel“ ist eine Ode an ihren musikalischen Ziehvater Prince. Und dann ist da noch „I like that“. Is she the GOAT, now, would anybody doubt it? Nope.

07 Jorja Smith – Lost & Found

Solltest du zu den glücklichen Menschen gehören, die ich in diesem Jahr noch nicht mit meinem Jorja Smith-Fieber angesteckt habe, ist es nun endlich soweit: Hör dir ihr verdammtes Album an! Songwriting? Gänsehaut! Stimme? Oh mein Gott! Instrumentierung? Wie konnte ich jemals ohne dieses Album leben! Jorja Smith hatte mich seit „Blue Lights“. Auf „Lost & Found” begeistert sie mich vor allem mit ihrer Reflektiertheit, der Verletzlichkeit in ihren Songs, der emotionalen Intensität ihrer Lyrics. Highlights neben „Blue Lights“: „The One“, „Lifeboats“, „Don’t Watch Me Cry”.

08 The Carters – Everything is Love

2018 war also das Jahr, in dem die Menschheit endlich in den Genuss des lang erwarteten gemeinsamen Albums von Jay-Z und Beyoncé, ihres Zeichens Götterpaar am HipHop-Olymp, kommt. Die beiden haben die zur Vollzeitkunst inszenierten Ehestreitigkeiten hinter sich gelassen und lassen das feministisch-selbstempowernde „Lemonade“ und das selbst- und Männlichkeitskritische „4:44“ hinter sich, denn am Ende heißt es „Everything is Love“. Das Album ist erwartungsgemäß absolut im Zeitgeist gehalten, die trappigen Beats von Migos in Kombination mit Jay-Zs Bars sind für mich zunächst gewöhnungsbedürftig, aber die Bild- und Soundwelt, in die die Carters ihre Fans entführen, ist wie immer unschlagbar. Und wenn Queen B auf „713“ stilecht „I’m representin‘ for the hustlers all across the world” rappt, kaufe ich alles.

09 H.E.R. – I used to know H.E.R. (The Prelude)

Sorry, aber wenn eine Künstlerin eine Neuauflage von Lauryn Hills „Lost Ones“ wagt, und damit so abreißt wie H.E.R. auf „Lost Souls“, dann ist der Platz in dieser Liste bei mir inklusive. H.E.R., die sich gerade sowieso zu einer der GOATs hocharbeitet, hat in diesem Jahr zwei EPs aus ihrer „I used to know H.E.R.“-Reihe veröffentlicht, und die sind so straight HipHop, straight Conscious und unfassbar gut, dass ich aus dem Schwärmen gar nicht mehr herauskomme. H.E.R. kann rappen, singen und analysiert in ihrer Musik männliche und weibliche Verhaltens- und Beziehungsmuster aus feministischer Perspektive – und das mit der denkbarsten Eloquenz und Punktgenauigkeit. Die anonyme Künstlerin zeigt, dass Dopeness kein Gesicht braucht, wohl aber eine starke Stimme!

10 Noname – Room 25

Noname ist in der jüngeren Rap-Generation eine meiner liebsten Künstlerinnen. So hat mich „Room 25“ absolut nicht überrascht, aber sehr wohl restlos begeistert: Auf fast schon an Filmmusik anmutende Jazz-Instrumentals rappt Noname auf denkbar unaufgeregte Art absolut aufregende Texte. Ihre primären Geschlechtsorgane bringen dir englische Lyrik bei während sie dich ein paar Tracks später mit „Don’t Forget about me“, dem heimlichen Highlight des Albums, in emotionale Tiefen mitreißt. Ganz große Liebe für ein Werk, das nicht vor den dunkelsten Themen unserer Welt zurückschreckt, und trotzdem (oder gerade deshalb) so viele komödiantische Ecken mitnimmt.

11 Camufingo – Ombanji

Das zweite deutschsprachige Release in dieser Liste kommt von Camufingo – und ist das vielleicht wichtigste Album des 2018er Deutschraps. „Ombanji“ behandelt die Identitätssuche des Rappers zwischen Deutschland und Angola, Rassismus und Ausgrenzungserfahrungen – und macht all jene Themen, denen sich PoC mit familiärer Migrationsgeschichte in Deutschland täglich ausgesetzt sehen, auch für Nichtbetroffene unfassbar nachfühlbar. Für mich funktioniert das am besten auf „Du bist nicht“, das Album wirkt jedoch auch als Gesamtkunstwerk perfekt und sollte von jede*m und deinem Vater gehört werden!

12 Masta Ace & Marco Polo – A Breukelen Story

Zugegeben, ich bin noch ein wenig in der Entdeckungsphase des neuen Ace-Albums. Aber ey, wenn mein persönlicher Rapgott ein neues Release macht, kann das gar nicht verkehrt sein. Ist es auch nicht, dreht es sich doch mal wieder um die Wiege des HipHops, den Big Apple, New York. Die musikalischer Seite wird von Marco Polo sichergestellt, und dass das Duo gemeinsam sehr gut funktioniert, weiß man schon seit „Nostalgia“. Masta Ace liefert dazu die dringend benötigte Mischung aus Rap-Reminiszenz, Representing und Selbst- und Weltreflektion. „I grew up to be a king“, heißt es in den Cuts auf dem Opener “Kings” – inzwischen sind Ace und Polo grown man und tragen die Krone auf dem 19 Anspielstationen langen Release mit Stolz. „A Breukelen Story“ ist die Boombap-Injektion des Jahres.

13 Otis Mensah – Mum’s House, Philosopher

Otis Mensah sollte man sowieso und ganz unbedingt auf dem Schirm haben, zumindest wenn man Bock auf gänzlich unmackrigen, intellektuellen britischen Rap hat. Dass er sich für seine neuste EP “Mum’s House, Philosopher“, die erst Mitte November das Licht der Onlinewelt entdeckte, den Wahlberliner Produzenten The Intern ins Boot geholt hat, lässt die Liebe für den Boy ins Unermessliche steigern. Hochgradig komplexe Reime und Flowpatterns bilden eine ganz hervorragende Synergie mit den super smoothen Beats von HipHops Vorzeigeprakti. Yo Intern, you crazy for this one!

14 Amerigo Gazaway – The Miseducation of Eunice Waymon

Er hat es also wieder getan! Mein Lieblings-Mashup-Producer Amerigo Gazaway hat sich ENDLICH zwei der größten Künstlerinnen unserer Welt vorgenommen und Nina Simone und Lauryn Hill ein gemeinsames Album gewidmet. „The Miseducation of Eunice Waymon“ ist alles, was diese beiden großartigen Musikerinnen auch sind: Klassisch, experimentierfreudig, voller Meaning und einfach wunderschön. Man möchte Amerigo Gazaway vor Freude um den Hals fallen! Mein Lieblingssong auf dem Album ist übrigens der Remix zu „Lost Ones“. Wer mich gut kennt, wird sich denken können, warum.

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