1 Jahr. 12 Monate. 365 Tage. 365 Female MCs.

Mit diesem Blogbeitrag geht eine Wahnsinnsmission zu Ende. Im November 2018 kam ich auf die Idee, der Welt auf eine einfache wie aufwändige Art und Weise zu zeigen wie viele und vor allem vielseitige Rapperinnen es auf der Welt gibt. Für jeden Tag des Jahres eine Rapperin, das war die Mission. Wegbereiterinnen, Newcomerinnen, Weltstars, Underground-MCs, Boombap, Trap, Cloudrap, Rap zum Gesang, Gesang zum Rap, aus fünf Kontinenten. Mit diesem Beitrag ist die Reihe komplett. Das 365-Female-MCs-Jahr ist zu Ende gegangen. Und in einer anderen Hinsicht hat sich ein Kreis geschlossen:

Am 20. September habe ich auf dem Reeperbahnfestival den International Music Journalism Award verliehen bekommen – für ebendieses Projekt, „365 Female MCs“. In exakt derselben Location – dem Schmidtchen – auf exakt derselben Konferenz war ich ein Jahr zuvor an einer für mich damals ziemlich frustrierenden Diskussion mit Fler beteiligt, die die Grundlage für diese Blogreihe legen sollte. Vielleicht ist es ein Beweis dafür, dass es manchmal die frustrierendsten Herausforderungen sind, die uns zu den größten Leistungen beflügeln. Für mich bleibt dennoch ein fader Beigeschmack: So sehr ich mich über diesen Preis, diese riesige Anerkennung und die Aufmerksamkeit für das Projekt freue, so sehr wünschte ich doch, all das wäre gar nicht nötig gewesen. Dass wir im Jahr 2019 (oder auch schon 2018) nicht ernsthaft noch über das Offensichtliche – nämlich, dass es wahnsinnig krasse Frauen* im Rap gibt – diskutieren müssen.

„Du stellst 365 Rapperinnen vor? Mir fallen nicht einmal fünf ein!“ Aussagen wie diese haben mich über das letzte Jahr begleitet. Ich habe meine Theorien, warum Frauen als so rare Einhörner im HipHop-Zirkus wahrgenommen werden. Ich kontere diese Aussage gerne mit einer Zahl: 1.300. Das ist die ungefähre Zahl der Rapperinnen, die ich für diese Reihe „recherchiert“ habe. „Recherchiert“, weil ich mir eigentlich kaum wirklich Mühe geben musste, all diese Talente zu finden. Sie springen einen förmlich aus allen Ecken des Internets an, verstecken sich im Lineup kleinerer Festivals, zeigen ihre Skills auf Social Media. Das bedeutet auch: Es gibt noch viele, unfassbar viele mehr da draußen, die ich noch nicht auf dem Schirm habe. Und allein jetzt reicht diese Zahl schon, um dreieinhalb Jahre lang jeden Tag eine Rapperin* vorzustellen.

Aus diesem Grund und auch, weil mir immer wieder zugetragen wird, wie wichtig diese Reihe für die weibliche HipHop-Szene ist, für wie viele Journalist*innen und Veranstalter*innen dieser Blog inzwischen zur Inspirationsquelle für ihre Arbeit geworden ist, soll es natürlich weitergehen mit „365 Female MCs“. Aber: Das Ganze ist natürlich auch ein unvorstellbares Mammutprojekt, das mehrere volle Arbeitstage im Monat beansprucht. Daher kann es nur weitergehen, wenn für eine Weiterführung entsprechende Partner*innen mit an Bord kommen. Und die zu finden, wird ein wenig Zeit brauchen.

Bis dahin wird die Reihe eine kleine Pause einlegen. Die gute Nachricht ist jedoch: Die Zwischenzeit bis zu den nächsten „365 Female MCs“ wird meine liebe Kollegin Laura mit zwei Sonderfolgen von „365 Females“ überbrücken. Sie hat sich zwei wahnsinnig spannende Themen für die nächsten zwei Monate ausgedacht – wir sehen uns also am 1. November, an gewohnter Stelle.

Hier geht es zu allen bisherigen Teilen von 365 Female MCs.

01 Reverie (USA)

Reverie, das ist Französisch und bedeutet „Träumerei“. Seit 2010 ist diese Träumerei nun Teil des weltweiten Rap-Kosmos. Rev teilte sich Bühnen mit Gavlyn, Blimes und Vel the Wonder – und zwar auf der ganzen Welt. Dabei sind ihre Texte gar nicht unbedingt verträumt, sondern beschäftigen sich oft mit all der Härte unserer Lebensrealität. Dabei sind Songs wie „1 Syllable“ und „The Great Depression“ gerade deswegen so unfassbar gut und wichtig, weil sie echte Verletzungen behandeln und Reverie mit einer entwaffnenden Offenheit über ihre Depressionen und toxische Beziehungen spricht. Aktuell gibt es regelmäßige neue Releases von Reverie, für die ihr Bruder Louden an den Reglern steht.

02 Pilz (Deutschland)

Battlerap in Deutschland erlebte 2017 ein wahres Erdbeben als eine Debatte um das DLTLLY-Battle zwischen Pilz und Nedal Nib, was in Rapbattles eigentlich gesagt werden darf, in wahrlich absurde Sphären abdriftete. Pilz brachte das Battle einen waschechten Shitstorm ein, bei dem mich bis heute interessieren würde, ob er bei einem männlichen Kontrahenten ähnlich verlaufen wäre. Die Rapperin aus Lübeck auf ebenjenes Battle zu beschränken wäre aber ein fataler Fehler. Denn auch darüber hinaus macht Pilz sich mit gern aggressiven, politischen und kontroversen Tracks einen Namen. Ihr letztes Album „Tod/Geburt“ erschien im Mai 2018 und ist vielleicht deshalb so wichtig für Deutschrap, weil Pilz regelmäßig die Komfortzone des Sagbaren verlässt. Im Battle wie im Studio.

03 Alina Pash (Ukraine)

Es scheint fast so, als wäre die Ukraine eine inzwischen recht zuverlässige Adresse für extrem guten Female Rap. Nach Alyona Alyona und Fo Sho ist Alina Pash schon der dritte Act aus dem osteuropäischen Land, der mich in kürzester Zeit zum Fan gemacht hat. Ein fantastischer Flow, ein extrem gutes Händchen für Musikvideos und tiefe Reue bei mir, nie Ukrainisch gelernt zu haben. Alina kommt mal straight, mal poppig, dann wieder extrem verspult wie auf „Bitanga“. Mit dem Skillset und einem gesunden Maß an Weirdness kann sie von mir aus gern der nächste heiße ukrainische Rap-Export werden.

04 Brisa Flow (Brasilien)

Es ist die gleiche Geschichte, überall auf der Welt: Frauen gehören nicht so richtig dazu zur Rapszene, und fragt man innerhalb dieser nach spannenden MCs, fallen fast immer ausschließlich Männernamen. Gott sei Dank gibt es aber auch überall auf der Welt Rapperinnen, die diesem ausgemachten Bullshit ausreichend Gegenwind geben: Die brasilianische Rapperin Brisa Flow ist eine kaum zu überhörende Gegenstimme zum Sexismus und Chauvinismus, nicht nur in der HipHop-Kultur, sondern auch in ihrem Land. Zwei mehr als hörenswerte Alben zieren ihre Diskografie – hörenswert nicht nur auf inhaltlicher Ebene, sondern auch, weil die Rapperin aus Belo Horizonte, die inzwischen in São Paulo lebt, fröhlich alle möglichen Musikstile wie Reggae und Electro miteinander mischt, nur um dann wieder einen völlig irren Rap-Part zu kicken.

05 Wynne (USA)

Im Internet kursiert seit einigen Tagen ein neues Handyvideo, das Eminems Tochter Hailie beim Freestylen zeigen soll. Ihr müsst jetzt ganz stark sein: Hailie Jade Mathers ist im wahren Leben eine erfolgreiche Instagrammerin und hat bisher kaum Ambitionen gezeigt, in die Fußstapfen ihres Vaters zu steigen. Die junge Frau aus dem Video dagegen könnte es locker mit Marshall Mathers aufnehmen: Wynne aka Queen Honeypot kommt aus Portland und machte sich tatsächlich mit Instagram- und YouTube-Freestyles einen Namen. Mit zwölf Jahren spittet sie erste Bars, ihre gut situierten Eltern sind verwirrt, doch sie bleibt an Rap kleben wie ihr Namensvetter am Honigglas. Besser ist das – bisher war jede ihrer Single ein technischer Großbrand, und es ist noch lange kein Ende in Sicht.

06 Dacid Go8lin (Österreich/Kosovo)

Es gibt Artists, die sind so unfassbar wichtig für die Entwicklung von HipHop – und trotzdem hat kaum ein Mensch sie wirklich auf dem Schirm. Dacid Go8lin ist Wahl-Wienerin, Rapperin, Produzentin, DJ, bildende Künstlerin, Video-Artist und Gründerin von Femme DMC. Die österreichische Initiative ist inzwischen weit mehr als eine Veranstaltungsreihe. „Femme DMC ist so etwas wie eine Schule. Eine Schule, wo wir miteinander lernen und uns gegenseitig unterstützen und stärken. Es geht hauptsächlich darum: Wir wollen, dass das eine regelmäßige Bühne wird, die diese Frauen auch repräsentiert und ihnen die Möglichkeit gibt, das zu sein, was sie sind“, so die Künstlerin in einem Interview mit WDR Cosmo. Die im Kosovo geborene Rapperin veröffentlicht ihre eigenen Songs auf Albanisch und Englisch und thematisiert darin unter anderem das Thema Migration sowie andere gesellschaftliche Fragestellungen. Die Wiener Clubszene und die Akademie der bildenden Künste hat sie mit ihrem HipHop-Aktivismus längst eingenommen – alles andere ist nur eine Frage der Zeit.

07 Le Juiice (Frankreich)

Frankreichs „Trap Mama“ kommt aus dem beschaulichen Boissy-Saint-Léger: Seit 2018 gilt Le Juiice (kein Tippfehler) als eine Hoffnungsträgerin, sowohl im Studio als auch auf Freestylebühnen. Den Respekt der Szene verdiente sie sich mit ihrer Teilnahme am französischen Battlerap-Format „Rentre dans le cercle“, diverse Instagram-Freestylevideos legte sie nach. Inzwischen hat die Rapperin ihren eigenen Sound gefunden und veröffentlicht Trap-Brett nach Trap-Brett. Dass sie mittlerweile zwischen Washington und Paris pendelt, dürfte ihre Musik für den internationalen Markt nur noch zugänglicher machen.

08 Meli (Deutschland)

Wenn wir über Wegbereiterinnen des deutschen Raps reden, reden wir meist über Cora E. (klar!) und Schwester S (auch klar!). Und dann? Sind wir ganz schnell bei cringy Debatten darüber, wie sehr Rap doch eigentlich gleich Tic Tac Toe waren, irgendjemand gräbt Nina MC aus (kein Hate!) und dann herrscht betretenes Schweigen. Also, höchste Zeit für eine neue Geschichtsstunde: Aus dem Schoße der Kolchose (oder zumindest in dessen Nähe) machten sich in der zweiten Hälfte der 90er Skills en Masse, das Geschwisterduo Meli und Marcy, einen Namen. Meli, im Süden Englands geboren, gilt heute als eine der ersten schwarzen Rapperinnen in Deutschland. Nach Ende ihrer Zusammenarbeit mit Marcy veröffentlichte Meli mit „Skills en masse“ ein Quasi-Soloalbum und teilte sich Bühnen und Studios mit Afrob, Gentleman, Shurik’n, Max Herre, den Söhnen Mannheims und Sisters Keepers. Außerdem hatte sie mit „Ischen Impossible“ ihre eigene All-Female-Rapcrew. Gerüchten zufolge arbeitet Meli an neuen Tracks – ein wichtiges Kapitel der HipHop-Geschichte könnte also schon bald wieder aufgeschlagen werden.

09 Zakisha Brown (Kanada)

Wagen wir einen Blick in den kanadischen Rap-Underground: Schon seit über einem Jahr beobachte ich eine beispiellose Rapperin und Spoken-Word-Künstlerin aus Toronto. Zakisha Browns wenige Veröffentlichungen sind reinstes Soulfood, zum einen dank herrlich unaufdringlich-souliger Instrumentals, zum anderen, weil die MC die Bezeichnung „Conscious Rap“ absolut ernst nimmt und sich auf sehr komplexe Weise mit Themen wie Geld und Ängsten auseinandersetzt. Dabei weichen ihre Statements gern von klassischen Rap-Narrativen ab. „We must feel in order to heal“, so ihre Devise. Viel Input zum Nachdenken und -fühlen gibt sie in ihrer Musik auf jeden Fall.

10 Yetundey (Deutschland)

Yetundey ist eine der inspirierendsten Personen, mit denen ich bisher arbeiten durfte. Die Rapperin, Sängerin, Songwriterin, Produzentin, Musikvideoregisseurin und Tänzerin (das sind verdammt viele Sängerinnen) hat es inzwischen aus ihrer Heimatstadt Leipzig nach Berlin verschlagen. Der Hauptstadt widmete sie folgerichtig direkt einen Song und feilt im Windschatten ihrer „Berlin“-Hymne fröhlich weiter an neuer Musik auf Deutsch, Englisch und Französisch, mit Einflüssen aus Soul, Afrobeats, Trap und allem, was dem Multitalent eben so über den Weg läuft. Yetundey steht noch ganz am Anfang – dass sie auf die Bühne gehört ist jedoch bereits ein Naturgesetz.

11 S7ickchicks (Japan)

Eine fünfköpfige All-Female-Rapcrew? In Japan gibt es genau das: Die S7ickchicks haben mit „G7oss“ (2016) und „Lips7ick“ (2014) bereits zwei Crewalben veröffentlicht. Starteten sie zunächst zu siebent, schrumpften sie sich nach Veröffentlichung ihrer ersten Single „Drop Gem on ya“ zur Fünfergang zusammen und machen seitdem gemeinsam, aber auch solistisch sehr erfolgreich Musik. Aya aka Panda, Lipstorm, Casper, Fuziko und noch eine Aya teilten sich das erste Mal für den Female-Remix zum Ish-One-Track „New Money“ die Booth. Der Rest ist inzwischen Geschichte.

12 Angel Davanport aka Angelenah (USA)

Im Dunstkreis von Techn9ne wachsen so einige beachtliche Künstler*innen, die dringend mehr Aufmerksamkeit verdienen. Und auf Angel Davanport ist nicht nur der Maestro der aggressiven Tripletime-Verses aufmerksam geworden: Als Angelenah war Angel Davanport bereits als Featuregast von P.O.S. zu hören, außerdem teilte sie sich das Studio unter anderem mit PsalmOne. Hungrig, ohne Angst vor tiefgehenden Themen – so tritt die in Chicago geborene Rapperin aus Minneapolis in Erscheinung. Und scheut dabei absolut keine Kontroversen, wie sie auf ihrer letzten EP „Sore but greatful“ mit Tracks wie „Jesus“ zeigt.

13 Kanyi Mavi (Südafrika)

Dass Südafrika eine geschichtsträchtige wie illustre Rapszene hat, dürfte nicht erst seit „365 Female MCs“ bekannt sein. Kanyi Mavi ist eines der aufstrebenden Raptalente aus dem Land. Geboren und aufgewachsen im Township Gugulethu in Kapstadt, enterte Kanyi (die manchmal auch auf das „Mavi“ in ihrem Namen verzichtet) erstmalig im Jahr 2002 die Bühnen lokaler Rapcyphers. Zehn Jahre sollte es von da an noch dauern, bis sie 2012 ihr Debütalbum „Iintombi Zifikile“ (zu Deutsch etwa „Die Mädchen sind angekommen“) veröffentlichte. Kanyi rappt auf ihrer Muttersprache isiXhosa und gilt als vielleicht beste Lyricist (und zwar unabhängig vom Geschlecht) in Südafrika. Aktuell arbeitet sie an einem Drumbased Urban Music Project mit dem schwedischen Produzenten Ted Krotkiewski.

14 Ana Tijoux (Chile/Frankreich)

Sie ist das ultimative Musterbeispiel für politischen Female Rap aus Südamerika: Die französisch-chilenische Rapperin Ana Tijoux ist seit Mitte der 1990er aus der Rapszene Chiles nicht mehr wegzudenken und hat bis heute nichts von ihrer Vorbildfunktion verloren. Als „Südamerikas Antwort auf Lauryn Hill“ wird sie gefeiert, schafft es in zahlreiche Redaktionscharts und Awardnominierungslisten, auch in den USA und Europa, und arbeitet mit Künstler*innen aus der ganzen Welt zusammen. Dabei ist sie der lebende Beweis, dass Rapskills und Message unbedingt zusammengehören.

15 JoeyFunBoy (Italien)

Zugegeben: Denkt man an Bozen, hat man nicht unbedingt eine lebendige HipHop-Szene im Kopf. Für Giorgia Bertolani war das kein Hindernis: Als Teenager kommt sie, zunächst durch das Tanzen, mit der Kultur in Berührung und beginnt, ganz Digital Native, bald auch ihre Rapskills via selbstproduzierter YouTube-Clips mit der Welt zu teilen. Und die haben es in sich. Joey (inzwischen verzichtet die Rapperin auf den Zusatz „Funboy“) will jedoch noch weiter hinaus, nimmt an der Castingshow X Factor teil und ist aktuell deutlich poppiger unterwegs. Für mich persönlich darf es gern bald wieder neue Tracks a la „God is overrated“ geben.

16 Nova Rockafeller (Jamaika/Kanada)

„If the Beastie Boys were an angsty young adult in 2018 – you’d have Nova”, heißt es im Pressetext der jungen Rapperin, die in Kanada geboren und in Jamaika aufgewachsen ist. Von Radiosingles hielt Nova Rockafeller noch nie sonderlich viel. Dafür sind ihre Tracks laut, provokant und ehrlich, thematisieren seelische und gesellschaftliche Krisen und leeren alle Schubladen aus, die es in deinem Schrank gibt. Ihren persönlichen Struggle mit Depressionen, Asthma und Enttäuschungen auf ihrem musikalischen Weg verheimlicht sie nicht vor ihren Fans – und ist gerade deshalb ein so wichtiges Rolemodel für sie. Ihre letzte EP „AMPT“ ist im Juni erschienen. Neben der Arbeit an eigener Musik produziert Nova Musikvideos.

17 Babsi Tollwut (Deutschland)

Babsi Tollwut weiß: „HipHop ist am Arsch“ – deshalb nimmt die Berliner Rapperin dem Patriarchat mit einem zielsicheren Tritt in die frisch gekraulten Eier sämtliche Waffen ab und schießt erbarmungslos zurück. Verletzlich, aber in keinster Weise eingeschüchtert erobert die MC mit ihren reflektierten Texten nicht nur in linkspolitischen Kreisen längst Bühne um Bühne. Ihr Debütalbum erscheint am 5. Oktober und ist womöglich genau das empowernde Manifest, das Deutschrap im Jahr 2019 braucht.

18 Pumpkin (Frankreich)

“Make Boombap Great Again” ist ein Wahlslogan, der mich definitiv abholt. Die gleichnamige Titelsingle der französischen Rapperin Pumpkin mit ihrem Haus- und Hofproduzenten Vin’s da Cuero ist genau das: Feinster Boombap, Intensivtraining für die Nackenmuskeln und Cuts von HipHop-Wolke 7. Ihr letztes Release „Astronaute“ ist inzwischen ein knappes Jahr alt, wobei die Produktionen zeitloser nicht sein könnten. Davon überzeugen könnt ihr euch übrigens direkt Anfang des Monats: Am 2. Oktober spielt das Duo gemeinsam mit Reverie in der Lila Eule in Bremen. Am 6. Oktober tritt Pumpkin ebenfalls mit Reverie, aber auch mit Nadia Rose und That Fucking Sara im Yaam in Berlin auf. Let’s make Germany Boombap again!

19 staHHr (USA)

Südstaatenrap hat viele Gesichter. Eines, das man vom Soundbild her nicht unbedingt in Atlanta verorten würde, gehört der Rapperin staHHr. Als echtes Golden-Era-Gewächs hat sie einfach alles mitgenommen: Diverse lokale Cyphers, Freestyle-Sessions bekannter HipHop-Magazine und natürlich Collabos, unter anderem mit illustren Rap-Persönlichkeiten wie MF Doom. Die beiden Hs in ihrem Namen stehen für HipHop – und sind nur eines von vielen Indizien dafür, dass diese Frau mehr HipHop unter dem Nagel ihres kleinen Zehs hat als du in deinem ganzen Körper. Drei Soloalben hat die Künstlerin veröffentlicht, dazu an zahlreichen weiteren kreativen Projekten rund um unsere Lieblingskultur mitgearbeitet. Also – merk‘ dir ihren verdammten Namen!

20 Sara Donato (Brasilien)

Seit 2016 baut sich Sara Donato gemeinsam mit Jupi77er unter dem Namen „Rap Plus Size“ im brasilianischen HipHop-Underground ihr Standing auf. Den Crew-Titel, der zugleich auch Titel ihres ersten gemeinsamen Albums ist, beziehen die beiden MCs zum einen auf ihr Engagement für übergewichtige, nicht-binäre und afro-indigene Personen, insbesondere Frauen. Plus Size sind aber definitiv auch die Rapskills von Sara Donato. Die Rapperin kommt aus São Carlos und arbeitet aktuell an ihrer ersten, sechs Tracks umfassenden Solo-EP.

21 Sofia Ashraf (Indien)

Ich hatte selten einen so amtlichen Lachanfall wie bei Sofia Ashrafs Musikvideo zu „I can’t do sexy“. „Sofia Ashraf’s rap might draw crowds to the stage, but her milkshake brings nobody to the yard, and she’s cool with it”, steht da in der YouTube-Beschreibung. Mich hat sie mit ihrem humoristisch-selbstironischen Rap mit Signature-Sound und großartigen Bildwelten locker in die Tasche gesteckt. Hauptberuflich ist Sofia, die aus dem südostindischen Chennai stammt, Digital Content Creatorin und Designerin. Als überzeugte Feministin und Aktivistin veröffentlicht sie als „Sista From The South“ starke Statementvideos auf YouTube. Währenddessen feilt sie an neuen Songs und mischt Rap und Spoken Art mit elektronischen und folkloristischen Elementen. Go, Sofia! The boys (and the girls) are waiting!

22 Left Eye (USA)

Da sich diese Reihe jedes Mal auch ein Stück weit mit Rapperinnen*-Persönlichkeiten aus der HipHop-Historie beschäftigt, bleiben manchmal auch emotionale Kapitel nicht aus. Eines davon ist die Geschichte von Left Eye, die, viel zu früh, im Jahr 2002 mit nur 30 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. Als Teil von TLC hat sie urbane Popmusik (welch furchtbarer Begriff) neu definiert, das Spotlight der US-amerikanischen Musikszene auf Atlanta gerichtet und mal gutgelaunte, mal emotionale, mal sozialkritische Welthits veröffentlicht. Und auch solistisch war Lisa „Left Eye“ Lopes aktiv, featurte unter anderem Melanie C und *NSYNC. Auf ihrer eigenen Produktionsfirma Left Eye Productions signte sie unter anderem die R&B-Girlgroup Blaque Ivory, deren Rapperin Natina Reed fast schon tragisch-ironischerweise ebenfalls bei einem Autounfall ums Leben kam.
Left Eyes Legacy besteht bis heute durch unzählige Song-Referenzen und die Lisa Lopes Foundation, die sich um benachteiligte Kinder und Jugendliche in Honduras – dem Ort, an dem die Rapperin ums Leben kam – kümmert.

23 Kerosin95 (Österreich)

Kerosin brennt, verteilt Umarmungen und Punchlines und macht Deutschrap wieder flauschig. Die Rapperin* aus Wien erhebt die Stimme gegen Queerfeindlichkeit und Machismen in unserer Gesellschaft. Die zentrale Antriebskraft ihrer* Songs: Wut, verpackt in fast schon entwaffnend liebevollen Lyrics. Dass die Nicht-cis-Frau dazu krasseste Skills am Mic mitbringt, beweisen ihre* ersten beiden Singles „Hass“ und „Außen Hart Innen Flauschig“. Kerosin ist auch Teil der Supergroup My Ugly Clementine.

24 La Dame Blanche (Kuba/Frankreich)

Kubanischer Rap kam in dieser Reihe bisher eindeutig zu kurz. Zum Glück gibt es mit La Dame Blanche eine derart würdige Vertreterin ihres Genres, dass die Rapszene des Inselstaats nicht länger ignoriert werden kann. Die in Pinar Del Rio geborene und inzwischen in Paris lebende Künstlerin wagte erste musikalische Schritte als klassische Musikerin – nicht umsonst ist ihr Künstlerinnennamen der französischen Oper von Boieldieu nachempfunden. Inzwischen mischt sie technisch versierte Doubletime-Raps mit Elementen aus Trap, Cumbia, Dancehall, Reggae, Kumba und Son und erweitert ihre Tracks mit solistischen Querflötenpassagen und Percussioneinlagen. Ihre erste LP „Piratas“ erschien 2014, im vergangenen Jahr erschien ihr bereits drittes Album „Bajo El Mismo Cielo“. Dazu spielt die Rapperin Shows auf der ganzen Welt.

25 Yoshi Vintage (USA)

Im beschaulichen Flint, Michigan, entdeckte Yoshi Vintage ihre Liebe zu extrovertierten und energischen Bars. Um die Passion zum Beruf zu machen, zog es die MC schließlich nach Los Angeles, wo sie an ihrem von Kritiker*innen hochgelobten Debütalbum „48458“ arbeitete. Der Albumtitel – die Postleitzahl ihrer Heimat – zeigt ebenso wie ihre Texte, dass der Bezug zu Michigan erhalten bleibt. Neben Reminiszenzen an F-L-I-N-T thematisiert Yoshi mit ihrem extravagenten, boastenden Rapstil vor allem ihr eigenes gesundes Selbstbewusstsein und ihre Ambitionen: „I want to be my favorite rapper’s favorite rapper“. Go for it!

26 Sharlota (Tschechien)

Seit Veröffentlichung ihrer Debütsingle “Do rána“ ist Sharlota aus Prag ein fester Teil der tschechischen HipHop- und Popkultur. Die Rapperin und Sängerin hat mit Blakkwood Records ein nicht ganz unbedeutendes Label hinter sich und ist auch als Teil des Trios „Abde & Sharlota“ aktiv. Als Solokünstlerin zieren bereits eine EP und ein Album ihre Diskografie. Für 2020 hat sie ihr neues Mixtape „Sextape“ angekündigt – mit gelungenem „Marketing“ hatte die Künstlerin offenbar noch nie ein Problem.

27 Chanmina (Südkorea/Japan)

Chanmina gilt als eine der mutigsten, wegweisendsten und erfolgreichsten ostasiatischen Künstlerinnen unserer Zeit. Geboren in Südkorea verbrachte die Rapperin und Sängerin den Großteil ihrer Kindheit und Jugend in Japan, tanzte zunächst Ballett und landete dann beinahe zufällig in einer HipHop-Tanzgruppe. Schon zu Schulzeiten kickte Chanmina erste Reime und feilte an ihrem unverwechselbaren Stil, der keine Grenzen kennt: Die Künstlerin rappt und singt auf Japanisch, Koreanisch und Englisch. Zum großen Durchbruch verhilft ihr die Teilnahme an der Battlerap-Fernsehsendung „Bazooka!!! Kokosei Rap Senshuken“, bis zum Majordeal soll es dann nicht mehr lang dauern. Chanmina wird zum Popstar, vergisst aber nie ihre Wurzeln und ihren Hunger danach, mit Skills zu glänzen.

28 Linda Pira (Schweden/Kolumbien)

Schwedische Songwriter*innen hatten schon immer ein Händchen für Hits; Linda Pira ist ein weiteres Musterbeispiel dafür. Die gebürtige Kolumbianerin mischt schwedischen Rap mit lateinamerikanischen Rhythmen und hymnischen Pop-Hooks und mischt mit diesem Signature Style seit ihrem ersten Feature mit Rapper Stor das Game auf. Ihre erste EP „Matriarken“ erschien 2013, gefolgt von unzähligen Singleauskopplungen. Mehrere Awardauszeichnungen in ihrem Heimatland und eine eigene Dokureihe später wird es langsam Zeit für ein Album, wenn ihr mich fragt.

29 Doja Cat (USA)

Wenn es ein Maßstab für maximal bunte und verwirrende Musikvideos gibt, sollte es Doja Cat sein. Die Rapperin, Sängerin, Songwriterin und Produzentin aus Los Angeles trat erstmals 2013 in Erscheinung. Ihren großen Durchbruch (und ersten Shitstorm) erntete sie 2018 – ersteres mit der erfolgreichen wie humoristisch-verstörenden Single „Mooo!“, letzteres dank eines homophoben Tweets aus dem Jahr 2015. Nach mehrfachen (nicht immer wirklich reflektierten) Entschuldigungen ging es für die Künstlerin jedoch weitestgehend uneingeschränkt weiter mit der Musikkarriere: Zusammenarbeiten mit Rico Nasty, Tyga und LunchMoney Lewis sowie eine eigene Colors-Folge gaben Doja Cat die Möglichkeit, ihre Skills in quietschbunten Visuals zu zeigen.

30 Ms. Marple (Deutschland)

Ach, Ms. Marple. Ich gehöre zu den Personen, die sich ein Körperteil ihrer Wahl abhacken würden, für ein Album der Bremer Rapperin. Die MC ist seit Jahren ein Geheimtipp – atemberaubendes Material gab es da auf Soundcloud, dazu ein paar fanmade Musikvideos auf YouTube und ein aktuelles Feature auf dem neuen Album von Chrizzo. Das war’s. Marph hält sich bedeckt, nur um ihren Hörer*innen dann, wenn mal wieder ein Part von ihr das Tageslicht erblickt, wieder den Atem zu nehmen. Technisch und lyrisch könnte sie die beste Rapperin Deutschlands sein, ihre charakterstarke Stimme und ihr krasser Flow tun ihr übriges. Liebe Ms. Marple, deutscher Rap braucht dich!

31 Queen Latifah (USA)

Es lebe die Queen! Das Ende dieser Reihe kann im Prinzip nur eine Rapperin featuren: Queen Latifah herself. Zum einen, weil die New Yorker Rap-Pionierin den Weg für zahlreiche weibliche Acts im HipHop ebnete und diese aktiv förderte. Zum anderen, weil sie mit „Ladies First“ die vielleicht erste feministische Rap-Hitsingle lieferte. Der Track wird morgen, am 1. November, 30 Jahre alt. Feeling old yet? Queen Latifah startet als Human Beatbox der Rap-Crew Ladies Fresh und signt bald einen Vertrag beim legendären Label Tommy Boy Records. Ihr Debütalbum „All Hail The Queen“ verschafft ihr den Durchbruch. Doch die Queen beherrscht längst nicht mehr nur das Rapgeschehen: Sie singt, betätigt sich als Songwriterin, Schauspielerin, Buchautorin, Moderatorin, Label- und Künstlermanagerin und hat ihre eigene Kosmetikmarke. Dabei beweist sie, was wir doch alle eigentlich längst schon wissen: Frauen* gehören mit aller Selbstverständlichkeit dieser Welt auf, hinter und vor jede HipHop-Bühne. Danke dafür – all hail the queen!

Alle auf Spotify verfügbaren Songs der Rapperinnen* aus „365 Female MCs“ findet ihr in dieser Playlist:

Der Erfolg dieses Projekts wäre nicht möglich gewesen ohne euch: Mein Dank geht raus an alle Supporter*innen von #365FemaleMCs, an die Personen, die Rapperinnen* vorgeschlagen haben, mir emotionale Nachrichten geschrieben haben, die die Blogbeiträge geteilt oder anderen davon erzählt haben. Ein besonderer Dank gilt dem Team von nurrap.de um Philip Skupin und Kristof Maletzke, die mich mit ihrem Lektorat unterstützt und darüber hinaus das Projekt auch auf Instagram und Facebook begleitet haben. Auch Uh-Young Kim von WDR Cosmo sei gedankt, dass ich über mein Herzensthema inzwischen auch im Radio sprechen kann. Darüber hinaus einer ganzen Reihe Menschen für ganz viel Rücken: Meinen Eltern, Cigdem, D-Vee, Rana Esculenta, Gregor, Dani, Ana und so vielen mehr. Danke für euch!

Comments


Add Comment

Ich akzeptiere